Familienname TRETBAR

=Deutung über Herkunft und Bedeutung=

Zum Familiennamen TRETBAR sind folgende Schreibweisen dokumentiert:

Dretbar, Dretber, Dretmar, Drettbar, Drettwer, Traetmer, Tredbar, Tredtbeer, Tredwar, Tredwer, Tretber, Tretbor, Tretewa, Trettbar, Trettber, Trettmar, Trettmer, Trettwa, Trettwan, Trettwann, Trettwer, Tretwa, Tretwar, Tretwer, Trotbar

Der Familienname Tretbar lässt sich unter 40 Millionen Telefonteilnehmern Deutschlands mindestens 146-mal nachweisen (Quelle: klicktel 98). Geht man davon aus, dass die normale Verbreitung eines Familiennamens zwischen 400- und 500-mal liegt, handelt es sich hier um einen vergleichsweise seltenen Namen. In der Karte wird Ihnen verdeutlicht, dass sich seine Namensträger besonders in Sachsen und im Ruhrgebiet konzentrieren.

Karte 1: Verteilung Tretbar (Quelle: DT Info & Route)
Karte 1: Verteilung Tretbar (Quelle: DT Info & Route)

Der Name lässt sich außerdem mit den Schreibweisen Trettbar (einmal in Leipzig) und Trettwer (35-mal) verbinden. Die Karte 2 zeigt eine Streuung der Namensträger Trettwer in Bayern, Westfalen und Sachsen.

Karte 2: Verteilung Trettwer (Quelle: DT Info & Route)
Karte 2: Verteilung Trettwer (Quelle: DT Info & Route)

Die relativ breite Streuung und vor allem die Häufung im Ruhrgebiet deuten auf einen nicht-deutschen Namen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass dies meist mit dem Zuzug aus dem Osten (schlesische Bergarbeiter, Flüchtlinge) verbunden werden kann.  

Die Recherche im Internet bekräftigt eine Herkunft aus dem Osten. So fanden sich unter www.familysearch.org mehrere Namensträger Tretbar, die aus Sachsen stammen (vgl. Anhang). 

In den einschlägigen Familiennamenbüchern ist der Name nicht verzeichnet. Er lässt sich dennoch bestimmen. Und zwar kann der Name ausgehend von den o.g. Aspekten als ursprünglich slawischer Name erläutert werden. Im Namen Tretbar oder seiner Nebenform Trettwer liegt somit eine eingedeutschte Schreibweise vor. 

Zu erwarten wäre hieraus abgeleitet eine Form Tretbar, Dretbar bzw. Tretwar, Dretwar oder Tredbar, Tredwar, Dredbar, Dredwar. Doch fanden sich hierzu ebenfalls keine Belege. Am ehesten scheint daher eine Verbindung des Namens mit der obersorbischen Namensform Dretwa wahrscheinlich (vgl. W. Wenzel: Lausitzer Familiennamen slawischen Ursprungs. Bautzen 1999. S. 74; ders.: Studien zu sorbischen Personennamen. Teil II/1. Bautzen 1990. S. 96).

Bei diesem Namen kann es sich um einen Berufsnamen oder um eine Herkunftsbezeichnung handeln.

Noch im 12. Jahrhundert trugen die Menschen oftmals nur einen Rufnamen, neben den ein Beiname treten konnte. Vor allem in Orten mit größerer Konzentration von Menschen, die häufig den gleichen Rufnamen trugen, musste ein weiterer Name zur Unterscheidung und Identifikation neben den eigentlichen Rufnamen gestellt werden. Der Name wurde meist vom Vater an die Nachkommen weitergegeben. Der entstandene Beiname - oft gewonnen aus einem Rufnamen, Übernamen, einer Berufsbezeichnung, dem Herkunftsort oder dem eigentlichen Wohnsitz - erlangte zunehmend eigenständigen Charakter und festigte sich seit dem 12. Jahrhundert, zunächst in den Städten des südwestlichen Deutschlands, zum heutigen Familiennamen. Diese Entwicklung wurde vor allem durch rechtliche Neuerungen wie dem Erbrecht und wirtschaftlichen Aufschwung beeinflusst. Aber auch die angrenzenden romanischen Länder - Italien und Frankreich - hatten einen nicht unwesentlichen Einfluss, da dort die Familiennamen festigende Zeit schon früher begann. In den an Deutschland nach Osten hin angrenzenden Ländern, z.B. Polen, begann die Herausbildung von Familiennamen etwa zur gleichen Zeit wie in Deutschland und fand ihren Abschluss in den ländlichen Gegenden etwa im 15. Jahrhundert.

Die sprachliche Struktur des sorbischen Namens Dretwa lässt zunächst eine Verbindung mit dem gleichlautenden niedersorbischen Wort drĕtwa, dretwa, dialektal dretwej in der Bedeutung 'Schusterdraht, Pechdraht', aus altslawisch *dratьva, slawisch dretva 'Bindfaden' zu (vgl. weiterhin tschechisch dratev, drát 'Draht', polnisch dratwa 'Pechdraht'). Dementsprechend können die polnischen bzw. tschechischen Namen Dratwa und Dratva als etymologische Entsprechungen angeführt werden.

Die Benennung des Vorfahren nach dem Lexem drĕtwa, dretwa 'Schuster-, Pechdraht' lässt vermuten, dass die Motivation entweder in einem berufstypischen Arbeitsgerät oder dem Produkt lag.

Der Beruf und Stand war für das Ansehen in der mittelalterlichen Namen gebenden Gesellschaft von großer Wichtigkeit. Dies ist ein Aspekt, der diese Namengruppe zu einer der größten neben den Familiennamen aus Rufnamen (Arndt, Peters, Mewes) und den Familiennamen aus Übernamen (Krause, Lange, Schwarzert) in Deutschland gemacht hat. Die hohe Anzahl der aus Berufsbezeichnungen entstandenen Familiennamen ist zusätzlich dadurch bedingt, dass verschiedene regionale Bezeichnungen für dieselbe Tätigkeit gebräuchlich waren. Berufsnamen entstanden durch Benennungen von Personen nach ihren Berufsbezeichnungen, wobei oft auch die beruftstypischen Produkte bzw. Werkzeuge u.a. eine Rolle in der Namengebung gespielt haben. Dann wird jedoch spezifisch von indirekten Berufsnamen bzw. Berufsübernamen gesprochen, z.B. deutsch Hammer(schmidt), Nagel(schmidt) oder Kesselring für den 'Schmied' oder westslawisch Szuba, Šubenc für den 'Pelzhändler'.

Daher kann der Name Dretwa zunächst als Berufsbezeichnung für den 'Hersteller von Pech- und Schusterdrähten' verstanden werden, also als 'Pecher, Pechsieder' und dann auch als 'Schuster'. Er stellte demnach entweder den fäulnisbeständigen, mit Pech überzogenen, mehrfädigen Leinenzwirn oder Kunststofffaden für die Schuhmacherei her oder arbeite vor allem mit diesem.

Als Schuster gehörte Ihr Vorfahre dem Leder verarbeitenden Handwerk/Gewerbe an. Die Berufsgruppe der Lederer'Lederbereiter, Gerber' von tierischen Häuten und Fellen ist sehr alt. Das Handwerk wurde zunächst auch von Kürschnern, Schuhmachern, Riemern, Sattlern und Säcklern, meist für den eigenen Bedarf, ausgeübt, und gelegentlich waren die einen oder andern mit den Lederern in einer Zunft (R. Palla: Falkner, Köhler, Kupferstecher. Ein Kompendium der untergegangenen Berufe. Frankfurt/Main 1997. S. 189ff.).

Bei einem Pecher aber handelt es sich um den Sammler von Harz in einem gepachteten Waldgebiet. Dieser leistete die Vorarbeit für die Pechsieder, die durch Reinigung des Harzes das wertvolle Pech gewannen, welches zum Kalfater, des Schiffrumpfes (Schiffspech), zum Steifmachen des Schumacherzwirns (Schusterpech), zum Auspichen der Bierfässer (Pichpech), zur Herstellung von wasserdichten Kitten, Terpentinöl, Geigenharz (Kolophonium), Heilsalben, Wagenschmiere, Schuh- und Lederpasten diente (Palla, S. 242ff.).

Weniger wahrscheinlich scheint mir eine Ableitung des Namens von dem Ortsnamen Drĕtwa (deutsch Zerre) nordöstlich Hoyerswerda in der Oberlausitz. Im Mittelalter wurden Herkunftsnamen gebildet, die dabei in der Regel die Herkunft eines Fremden wiedergeben, der in eine unbekannte Gegend verzog, wo man ihm den Namen nach seiner Herkunft gab. Häufig ist diese Gruppe von Namen durch die herkunftsanzeigende Endung -er gekennzeichnet, z.B. Münchner, was dem Namen die Bedeutung 'der aus München' gibt. Oft aber wurden die Personen schon im Heimatort so benannt, was z.T. damit erklärt werden kann, dass man die Bauern, die in die Städte zogen, so bezeichnete.

Die Deutung des Namens Tretbar als Herkunftsbezeichnung für 'den aus Drĕtwa' ist jedoch auszuschließen, weil die sorbische Bezeichnung erst spät überliefert ist und als Übersetzung des deutschen Namens gebildet wurde, vgl. Sie die Belege: 1577 Zehre, mit der Zerer mühlen; vor 1635 die Zerraw Mühle; 1652 Zerra; 1732 Zerra; 1791 Zerre; 1744 Dretwa; 1835 Drĕtwej; 1831/45 Drĕtwa; 1843 Drĕtwej; 1866 Drĕtwa, Drĕtwej; 1885 Drĕtwa (E. Eichler/H. Walter: Ortsnamebuch der Oberlausitz I. Berlin 1975. S. 346).

Für die recht junge Siedlung wird eine Ableitung von mittelhochdeutsch zerren 'reißen, ziehen', mittelhochdeutsch zern, neuhochdeutsch zehren 'verbrauchen' angesetzt, die dann einen 'Ort, wo etwas (Baumrinde, Äste, Ackergeräte, Boote u.a.) gezogen, gezerrt wurden' benennt. Diese Bedeutung zeigt sich sodann in der obersorbischen Entsprechung drĕtwa, aus drĕty, drjeć 'zerren; reißen'.

Wie aber konnte der Name Tretbar aus sorbisch Dretwa gebildet werden?

Der Idealfall wäre wie o.g. eine ältere Form Tretbar, Dretbar bzw. Tretwar, Dretwar oder Tredbar, Tredwar, Dredbar, Dredwar, die aber bislang nicht nachweisbar ist. Vor allem die Endung -ar(z) (deutsch zu -er(z) abgeschwächt) zeigt sich besonders im polnischen Sprachraum als typische Berufsnamenendung, so dass die Deutung als Name für den 'Schuster' oder 'Pecher, Pechsieder' unbestreitbar wäre. Und dennoch kann es sich beim Namen Tretbar um eine eingedeutschte Form aus Dretwa handeln. Dazu müssen wir eben nicht von einer Übertragung und sprachlichen Anpassung eines verschriftlichten Namens ausgehen. Vielmehr wurde der Name wohl nach einer gehörten Form fest und später schriftlich fixiert, und diese dürfte in der sächsischen Mundart etwa [dretwar, dretwer, tretbar, tretwer u.ä.] gelautet haben.

Quelle:

Da ich keinerlei Hinweise auf die Herkunft und Bedeutung des Nachnamens Tretbar hatte/habe, beauftragte ich am 11. August 2004 die "Gesellschaft für Namenkunde e.V."[1] den Familienname TRETBAR, in sprachwissenschaftlicher Sicht, zu untersuchen. Am 22.01.2005 erhielt ich dann von Frau S. Berndt M.A. oben aufgeführte Deutung.

[1]Universität Leipzig - Deutsch-Slavische Namenforschung
- Namenberatungsstelle -
Beethovenstraße 15, 04107 Leipzig